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Ein Stück mit viel Platz für Menschlichkeit

28.12.2016

Gelungene Premiere der Tragikomödie „Tschörtschill und mir“ des Deuchelrieder Theaters

Deuchelried - Er hat es erneut getan: Neun Jahre nach seinem – später preisgekrönten – Stück „Es geht runter und es geht wieder rauf“ griff Josef Biggel erneut zur Feder. Entstanden ist die Fortsetzung „Tschörtschill und mir“, die zehn Jahre später und am Ende des Zweiten Weltkrieges spielt. Am Dienstag feierte die schwäbische Tragikomödie in vier Akten im Deuchelrieder Dorfgemeinschaftshaus vor jeweils 160 Besuchern am Nachmittag und Abend Premiere. (Weiter)Erzählt wird die Geschichte der Nachbarschaft Mauschel, Mangold und Spitzl, die ihrer jeweiligen Linie treu bleibt und das Leben in schwieriger Zeit mit mehr oder weniger Menschlichkeit meistert.

 

Kaum größer könnte der Kontrast zwischen den Nachbarn sein. Einerseits lebt dort Helene Spitzl (Margit Müller), Frauenscharführerin und auf die Umsetzung der Verdunkelungs-Richtlinien der Nazis bedacht. Andererseits gibt es die Familie Mangold, die wenig von Führer-Bildern oder sonstiger NS-Ideologie hält. Linientreu bewegt sich Ortsgruppenleiter Herman Mauschel (Claus Schwerle-Biggel) durch die Zeit. Dessen Töchter Bärbel (Paulina Biggel) und Annelie (Katharina Bitterwolf) teilen seine Gesinnung allerdings nicht und fühlen sich im Hause der Mangolds deutlich wohler. Dort gibt es Bauer Paul (Marzell Biggel), dessen Frau Maria (Karoline Güntner-Lang), Oma Frieda (Hildegard Seel), die kleine Lina (Emilia Biggel/Emma Klatte), Magd Babett (Yvonne Kling) und Marias Vater Adolf Fuehrer (Winfried Geier). Sie lassen sich nicht von den Zeichen der Zeit beirren, nicht einlullen vom „Heil Hitler“oder dem schroffen Ton der Gestapo (Rainer Waindorf, Daniel Geier). „Gell, Frieda-Oma, wer schreit, hot U’recht“ weiß schon die kleine Lina. Und auch Zwangsarbeiter Stanislaw Gutski (Jonas Thanner) hat es gut auf dem Mangoldhof.

 

Unterkunft für Deserteur

 

Es ist keine einfache Zeit, jenes Frühjahr 1945 – und doch nimmt das Leben seinen Lauf. Das Peterle, von dem die kleine Lina behauptet, „nicht ganz richtig im Kopf zu sein“, nicht lesen und schreiben, aber dafür alles riechen zu können, ist immer noch da und wird durchweg von allen Nachbarn geschützt. Die immer vergesslicher werdende Frieda-Oma versteht die Welt – und vor allem das Verminen der Brücken – nicht mehr. Und Stanislav, der inzwischen mit einem polnisch-schwäbischen Akzent ausgestattet ist, riskiert gerne den Blick hinüber zu Nachbars Töchterlein. „Es dreht sich it alles um dr‘ Hitler, es goht au mol um mi“, erklärt Mauschel-Tochter Bärbel ihrem Vater. Der wiederum arbeitet gedanklich bereits an einem Denkmal und einem Museum für den verstorbenen Karl Pölzl, einem Onkel Hitlers, der früher auf dem Mangoldhof lebte.

 

 

Im Gespräch zwischen Paul Mangold und Hermann Mauschel wird klar: Mit der arischen Herkunft hat es in beiden Familien so seine Lücken und Tücken. Paul gewährt schließlich auch Widerstandskämpfer und Deserteur Heinz Brenner (Benedikt Sigg) Unterkunft. Für Verwirrung sorgt Oma Frieda, die der Gestapo gesteht, dass sie es war, die den versehentlich vergifteten Reisbrei Göring, Goebbels und Bormann vorgesetzt habe – und damit den Schweinen der Familie.

 

Dreieinhalbstündige Vorstellung

 

Als schließlich die Franzosen nahen, versteckt Helene Spitzl ihre Hitlerbilder, Armbinden „und sonstige Sächele“ im Mangold’schen Misthaufen, entschärfen Stanislaw und Heinz zwei von drei Sprengladungen und Oma Frieda macht mit den Kindern ein Picknick ausgerechnet auf jener Argenbrücke, die im Mittelpunkt des Geschehens steht. Ausgerechnet das Peterle rettet die Brücke und entfernt den verbliebenen Sprengstoff. „Er hot was g‘roche, was ihn g‘steert hot. Des hot er in d‘ Arge g‘schmisse“ erzählt Paul später.

 

 

Josef Biggel und seiner Theatercrew ist es erneut gelungen, etwas ganz Besonderes zu inszenieren und ein Bild der Menschen der Region zu zeichnen, das man sich als heutiger Betrachter so gut vorstellen kann. Mehr und mehr bekommt die Naziwelt binnen dreieinhalb Stunden Theater Risse. Mehr und mehr tritt Menschlichkeit anstelle der Ideologie. Wie bei Biggels Erstlingswerk gibt es auch dieses Mal wieder Livemusik eines Ensembles rund um Christoph Heidel, der die Lieder (teils auch mit Josef Biggel) arrangiert und umgesetzt hat. „Was einen Tag, eine Woche, ein Jahr später auf dem Mangoldhof geschehen ist, wissen wir alle nicht“, sagt Josef Biggel im Abspann. Vielleicht (und hoffentlich) werden es die Zuschauer ja in ein paar Jahren von ihm noch irgendwann erfahren.

 

 

Der Deuchelrieder Theaterverein bietet am 13. und 14. Januar zwei weitere Aufführungen der schwäbischen Tragikomödie „Tschörtschill und mir“ im Dorfgemeinschaftshaus Deuchelried. Alle anderen Aufführungstermine bis zum 7. Januar sind ausverkauft.

 

Foto: Bärbel (Paulina Biggel), Lina (Emilia Biggel) und Oma Frieda (Hildegard Seel) sind am Küchentisch beschäftigt, bevor eine Hausdurchsuchung sie nach draußen treibt. Mit Emilia Biggel und Hildegard Seel sind gleichzeitig auch die jüngste und die ält